20 Dezember, 2009

20. Vergänglichkeit


I.
Des Lebens Karawane zieht mit Macht
Dahin, und jeder Tag, den du verbracht
Ohne Genuß, ist ewiger Verlust.
Schenk ein, Saki! Es schwindet schon die Nacht.

II.
Weißt du, warum bei jedes Frührots Schein
Der Hahn dich schreckt durch sein eindringlich Schrein?
Weil wieder eine Nacht vom Leben schwand,
Und du schläfst sorglos in den Tag hinein.

III.
Unter des Mondes wechselvollem Licht
Das Schicksal uns kein Morgenrot verspricht.
Drum trink im Schein des Monds, denn mancher Mond
Blickt auf die Erde einst und sieht uns nicht!

IV.
Geschlechter sind erglüht wie helle Funken,
Haben gelebt, geliebt, gehaßt, getrunken;
Sie leerten hier ein Glas und sind verlöscht,
Sind in den Staub der Ewigkeit versunken.

V.
Die goldnen Lichter, die am blauen Weltrad gehn,
Haben sich viel gedreht und werden viel sich drehn. -
Und wir, im ew'gen Kreislauf der Erscheinungen,
Kommen auf kurze Zeit, um wieder zu vergehn.

XCII.
Ich geh' dahin und laß die Welt zurück im Streit,
Und hatt' von hundert Perlen doch kaum eine aufgereiht. -
Unausgesprochen blieb so manches tiefe Wort,
Weil's doch niemals verstanden hätte meine Zeit.

Omar Khayyâm, (1045 - 1122)
persischer Naturwissenschaftler, Mathematiker und Spruchdichter, freigeistiger Skeptiker, seine Kalenderreform übertraf die des Gregorianischen an Genauigkeit

Kommentare:

Danke für deinen Kommentar :-)